
(Milan) 3
- „OK. Dann beenden wir das mal. Vielleicht gerade zum Abschluss in einem Satz nochmal: Wie ist das Leben?”
Er zögert einen Moment, schaut mit leerem Blick über den Platz und sagt dann:
„Anstrengend. So zu leben… seit einigen Jahren ist es einfach anstrengend.“
Ich danke ihm und stecke das Diktiergerät wieder in meine Tasche. Er fragt mich, warum ich sowas eigentlich tue, ob ich von einer Zeitung oder der Uni sei.
- „Weißt Du, wir leben alle in dieser Stadt, miteinander oder aneinander vorbei. Und jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie das Leben ist, was es bedeutet, wie es sich anfühlt. Und es gibt Menschen, die in Zeitungen oder Büchern kluge Aufsätze dazu verfassen, aber ich habe mir gedacht, Menschen wie Du werden nicht gefragt. Das wollte ich gerne tun.”
„Das find ich gut. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass jemals jemand auf mich zugekommen wäre und mich fragt, wie’s mir eigentlich geht.“
Ich denke, dass ich das so nicht gefragt habe, dass es aber unmittelbarer Mittelpunkt von dem sein muss, worüber ich mit ihm sprechen wollte.
- „Viele haben, glaube ich, keine Vorstellung davon, was das bedeutet, so zu leben, wie Du lebst. Und ich hab vorhin diese Frauen beobachtet und ihr Gespräch aufgeschnappt.“
Ich erzähle ihm von den Frauen beim Juwelier, von der Einschätzung, dass man Milan kein Geld geben könne, weil er schließlich dann nur Alkohol kaufen würde um sich zu betrinken und eben kein Essen, wie er es gesagt hatte. Ich denke daran, dass jeder Mensch in diesem Land ein gewisses Recht auf drogeninduzuerten Rausch hat. (Selbst bei illegalen Drogen ist der reine Konsum nicht direkt strafbar, nur eben der Besitz und der Handel mit der Substanz.) Für manche Menschen scheint dieses Recht auf sozialer Ebene nicht zur vorherrschenden Hierarchie zu passen.
- „Ich weiß nicht, wie ein Alki siehst Du im Grunde nicht aus.“
„Nee. Und klar, sowas denken sich viele Leute, aber die Tüte Pommes habe ich von ihr nicht bekommen.“
- „Sag mal, ich weiß, empfindliche Frage, aber HIV und Hepatitis… hast Du längere Zeit Heroin genommen? Du musst auch nicht antworten, wenn Du nicht willst.“
„Nee nee, ich hab ab und zu mal einen geraucht, aber die Krankheit hab ich mir ’94 in Hannover geholt, ungeschützter Verkehr mit ner Frau die das hatte und so…“
Eigentlich besteht keine Gefahr, dass das hier unangenehm werden könnte, aber ich beende das Gespräch dennoch. Als ich ihm die Hand geben will, schaut er etwas überrascht, wühlt seine Hand aus seiner Tasche und reicht sie mir. Ich gehe zu meinem Rad und er sagt:
„Ähm, aber, um auf meine Frage vom Anfang zurück zu kommen, hast Du vielleicht ein paar Cents für ‘nen Obdachlosen?“
Ich lächle.
- „Soll ich uns ein paar Burger holen?“
„Nee,“ er schaut zu Boden, „ich spar’ grad eher für ein vernünftiges Abendessen.“
Ich gebe ihm einen Euro und ein paar Centstücke und fahre zur Arbeit. Ich komme über den Eindruck nicht hinweg, dass er vielleicht doch heroinabhängig ist und einfach nicht wissen konnte, dass es in Ordnung ist, davon zu erzählen. Es ist mir egal, was er mit dem Geld macht.
„Das Leben ist anstrengend“, sagt Milan, und mir kommen Menschen entgegen, die am Tag der deutschen Einheit ihren freien Tag mit einem Spaziergang verbringen. Ich denke daran, wie oft ich selbst schon gedacht habe, dass das Leben anstrengend ist, und wer Milan wohl in dieser Einschätzung zustimmen würde; Krankenschwestern, Topmanager, Versicherungskauffrauen, Straßenkehrer. Und dennoch liegen zwischen den Weisen des jeweiligen Erlebens Welten.
Hey,
ich halte viel von der Aktion.
Es hat mich zum Nachdenken angeregt. Jetzt sich hier und weiß nicht was ich schreiben soll. Wir reden einfach mal drüber.
Ich bin berührt.
Auf bald,
David
Ich versuche mir des Moments bewusst und auf alles gefasst zu sein.
Vielleicht ist das Interview nicht das geworden, was es werden sollte, aber auf jeden Fall war es eine hervorragende Idee. Es hat mich so angesprochen, daß ich zu Ende lesen mußte, und es hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wie gut es einem doch selbst geht und wie selbstgefällig man dadurch werden kann. Danke für diesen Anstupser.