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(Milan)

Es ist ein Feiertag, die Stadt jedoch nicht unbelebt. Als ich mein Fahrrad durch die Fußgängerzone schiebe, stelle ich mir die Frage, woran jemand zu erkennen sein könnte, der in mein vages Schema passt. Jemand, bei dem ich annehme, dass er unter allen Anderen im Nebel der Gesellschaft lebt. Der erste Mann, den ich anspreche hat dreckige, spröde Hände, in deren Fingern er billigen Tabak dreht, er sitzt am Boden in einem Hauseingang neben einem Bollerwagen, in dem sich unter anderem leere Pfandflaschen befinden. Ich spreche ihn unbeholfen an, indem ich nach Feuer frage. Als ich ihm von meinem Vorhaben erzähle, stoße ich an eine erste Grenze, mit der ich seltsamerweise kaum gerechnet hatte:

„Ein Interview? Mit mir? Also, da habe ich kein Interesse.“ Er sagt das, als hätte er den Satz auswändig gelernt, um in einer solchen Situation höflich distanziert zu bleiben. Ich laufe durch einen Gang in der Innenstadt, vorbei an einem Feinkostgeschäft, vor der Auslage eines Juweliers stehen vier Frauen zwischen vierzig und sechzig, ich schätze, sie sind miteinander verwandt. Sie befinden sich auf einem Feiertagsspaziergang, wie so viele, die ihre Freizeit heute nutzen um mit Familienmitgliedern Arm in Arm an geschlossenen Läden vorbei zu schlendern. Ich schnappe einen Gesprächsfetzen auf. „Ich hätte ihm ja gerne eine Tüte Pommes gekauft, wenn er wirklich Hunger hätte, aber wenn Du so einem Dein Geld gibst, ist klar, was passiert, da kaufen die sich wieder Alkohol von und dafür geb’ ich kein Geld her!“ Die so sprechende Frau mustert angestrengt die Goldohrringe im Schaufenster, ihre Begleiterinnen stimmen ihrer Einschätzung schweigend zu. Ich biege um die Ecke und vor McDonald’s entdecke ich ihn, ein Strom Menschen zieht seitlängs an ihm vorbei, er ist unauffällig und dennoch zu erkennen. Ich schaue ihm in die Augen und warte einen Moment, bleibe stehen, als er sagt:

„Tschuldigung, hast Du vielleicht noch ein paar Cent für einen Obdachlosen?“

Ich sage, ich hätte zumindest erstmal Filterzigaretten und „ein paar Fragen“. Ich bitte ihn, sich für fünf Minuten mit mir auf die Bank zu setzen, seine Irritation hält nur einige Sekunden an, ich erkläre also, dass ich eine Art Journal schreiben möchte und deshalb „Menschen auf der Straße zu einem bestimmten Thema befragen möchte“.

„Ja, klar, gerne, welches Thema denn, ich weiß ja nicht, worum’s geht.“

- „Leben.“

„Klar“ sagt er, als wir uns setzen, „dazu kann ich eine Menge erzählen.“

Ich merke erst jetzt, dass ich im Grunde völlig unvorbereitet bin. Als er sich die Zigarette in den Mund steckt bemerke ich die Tätowierung auf seiner Hand . Sie ist unprofessionell gestochen, blaß, grob und ausgefranst. Ich frage ihn nach seinem Namen und dann stolpere ich in das eigentliche Thema.

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